Konforme alternative Versionen
[Materialsammlung]
Unter bestimmten Bedingungen sind Alternativen für Inhalte erlaubt, die nicht den Anforderungen an digitale Barrierefreiheit entsprechen. Diese müssen sicher und einfach gefunden werden können.
WCAG Kontext
Ausnahmeszenarien
Grundsätzlich sollte Inhalt und Funktionalität in einem einzelnen barrierefreien Standarddesign verfügbar sein (One Design for all). In bestimmten Kontexten können jedoch nicht-barrierefreie Elemente zweckmäßig oder unvermeidbar erscheinen. Um der Barrierefreiheit Genüge zu tun, müssen den jeweiligen Konformitätsanforderungen entsprechende Alternativen angeboten werden.
Plausible Gründe für nicht gänzlich barrierefreie Komponenten sind beispielsweise:
- Ein Inhalt wird für eine Zielgruppe optimiert. Dieser Inhalt enthält Komponenten, die nicht zweckmäßig für alle Menschen in der Komponente selbst barrierefrei umgesetzt werden können. (Landkarte, Handwerksvideo, Tonbeispiel, …)
- Inhalt und Funktionalität werden von externen Ressourcen eingebunden, die nicht gänzlich barrierefrei sind. (Online Kartendienste, Buchungsplattformen, …).
Konformitätsanforderungen (Conformance Requirements)
In der ersten Konformitätsanforderung werden die Bestimmungen für Konformitätsstufen festgelegt. Demnach müssen für jede Konformitätsstufe die jeweiligen Erfolgskriterien erfüllt oder eine konforme Alternativversion verfügbar sein. Die genauen Anforderungen an konforme Alternativversionen werden im Glossar zu den Richtlinien beschrieben.
Vergleich zu verbindlichen Erfolgskriterien
Etliche Erfolgskriterien beziehen sich auf Anforderungen, die zwangsläufig aus einer Sinnesbeeinträchtigung resultieren, beispielsweise:
- Bilder benötigen für sehbehinderte Menschen eine textuelle Beschreibung. (Erfolgskriterium 1.1.1 Nicht-textueller Inhalt)
- Videos benötigen für hörbeeinträchtigte Menschen Untertitel für auditive Inhalte. (Erfolgskriterium 1.2.2 Untertitel (aufgezeichnet))
- Mechanismen, die durch Gesten am Touch Screen ausgelöst werden, müssen auch ohne Feinmotorik verfügbar sein. (Erfolgskriterium 2.5.1 Zeigergesten))
All diese Erfolgskriterien sind für digitale Barrierefreiheit alternativlos. Eine konforme, also rundum barrierefreie Alternativversion ist hingegen aus der Perspektive der Barrierefreiheit verzichtbar, wenn das Standarddesign bereits den Anforderungen entspricht.
Definition der WCAG
Eine Version, die
- auf der angepeilten Konformitätsstufe konform ist und
- die gleichen Informationen und Funktionalitäten in der gleichen natürlichen Sprache anbietet und
- so aktuell ist wie der nicht-konforme Inhalt, und
- die mindestens eine der folgenden Bedingungen erfüllt:
- Die konforme Version kann von der nicht-konformen Seite über einen Mechanismus erreicht werden, der die Barrierefreiheit unterstützt , oder
- die nicht-konforme Version kann nur von der konformen Version aus erreicht werden, oder
- die nicht-konforme Version kann nur von einer konformen Seite aus erreicht werden, die auch einen Mechanismus zum Erreichen der konformen Version bietet.
Anmerkungen der WCAG
- In dieser Definition bedeutet „nur erreichbar“, dass es einen Mechanismus gibt, wie eine bedingte Weiterleitung , der verhindert, dass Nutzer*innen die nicht-konforme Seite „erreichen“ (laden), außer sie kommen gerade von der konformen Version.
- Die alternative Version muss nicht Seite für Seite mit dem Original übereinstimmen (z. B. kann die konforme alternative Version aus mehreren Seiten bestehen).
- Wenn mehrere Sprachversionen zur Verfügung stehen, ist für jede angebotene Sprache eine konforme Alternativversion erforderlich.
- Alternative Versionen können bereitgestellt werden, um verschiedenen technischen Umgebungen oder Nutzungsgruppen gerecht zu werden. Jede Version sollte so konform wie möglich sein. Eine Version müsste vollständig konform sein, um die Konformitätsanforderung 1 zu erfüllen.
- Die konforme Alternativversion muss sich nicht im Geltungsbereich der Konformität oder auch demselben Webauftritt befinden, solange sie so frei verfügbar ist wie die nicht konforme Version.
- Alternative Versionen sollten nicht mit ergänzendem Inhalt verwechselt werden, welcher die ursprüngliche Seite unterstützen und das Verständnis verbessern.
- Das Festlegen von Präferenzen durch Nutzer*innen innerhalb des Inhalts, um eine konforme Version zu erzeugen, ist ein akzeptabler Mechanismus zum Erreichen einer anderen Version, solange die Methode zum Festlegen der Präferenzen die Barrierefreiheit unterstützt.
Siehe Understanding Conforming Alternate Versions
Anforderungen an die Ausgangsseite
Im besten Fall ist die Seite, von der aus nicht-barrierefreier Inhalt und dessen barrierefreie Alterativversion erreicht werden können, natürlich selbst barrierefrei. Unter folgenden Voraussetzungen erfüllt eine solche Quellseite jedoch zumindest die Konformitätsanforderungen für barrierefreie Versionen:
-
Die barrierefreie Alternative muss auf eine barrierefreie Weise erreicht werden können.
(Bedingung 4a)
Dies kann in HTML beispielsweise erzielt werden durch:- Ein barrierefreier Link führt zur barrierefreien Alternative.
- Der barrierefreie Inhalt steht durch einen Ausklappmechanismus, etwa in einem details-Element zur Verfügung.
- Die nicht-konforme Seite, von der zu einer konformen Alternativversion verlinkt wird, muss das Konformitätskriterium 5 (Keine Interferenzen) erfüllen. Darin werden Szenarien beschrieben, unter denen für bestimmte Personengruppen jegliche Weiterverwendung von Inhalt verunmöglicht wird.
Dokumentation der Alternative
Das Vorhandensein einer barrierefreien Alternativversion muss erkennbar sein. Gelegentlich sollte darüber hinaus auch die Eigenart der barrierefreien Alternative angegeben werden. Ein entsprechender technischer Standard steht leider nicht zur Verfügung. Es müssen daher geeignete redaktionelle Maßnahmen eingesetzt werden:
- Der Linktext zu einer barrierefreien Version wird mit „(barrierefrei)“ ergänzt.
- Der Schalter zum Aktivieren einer Hochkontrastdarstellung verfügt über eine aussagekräftige Beschriftung und/oder ein bekanntes Icon zur Beschreibung des Mechanismus.
- Auf einer interaktiven Landkarte erscheint der Standort einer Einrichtung. Unter der Grafik erscheinen eine Lagebeschreibung und Informationen zu benachbarten Haltestellen öffentlicher Verkehrsmittel unter der Überschrift „Anfahrt“.
- Ein Eingabefeld für ein Datum ist mit einer Beschreibung für das erforderliche Datumsformat versehen. (Das Datumsformat wird unter Verwendung des nicht-barrierefreien Date Picker automatisch generiert.)
Beispiele
Kontrastreiche Version
Ein Standarddesign eines Webauftritts verfügt auf Grund von Anforderungen an das Corporate Design teilweise über mangelhaften Kontrast. Ein Style Switcher zu einer kontrastreichen Darstellung überschreibt jedoch die mangelhaften Festlegungen von Vordergrund und Hintergrund. Der Style Switcher steht prominent am Beginn der Seite in einem konformen Kontrastverhältnis zur Verfügung.
Die Kontrastanforderungen werden dadurch allgemein erfüllt.
Die gewählte Option für ein alternatives Farbschema muss natürlich seitenübergreifend und dauerhaft gespeichert werden können, etwa in Cookies.
Formularversionen
Auf einer Behördenseite stehen parallel ein Antragsformular als PDF-Datei und als HTML-Formular zur Verfügung. Die PDF-Version ist primär für eine Druckversion gedacht, die manuell unterschrieben werden muss. Die HTML-Version verfügt über einen Mechanismus zur digitalen Signatur. Die digitale Signatur steht auf eine barrierefreie Weise zur Verfügung.
Die Anforderungen an eine konforme Alternativversion sind damit erfüllt.
- Es ist kein Problem, wenn sich das HTML-Formular über mehrere Unterseiten erstreckt.
- Die barrierefreie Version sollte als erste Version bereitgestellt werden.
- Die nicht-barrierefreie Version sollte als solche gekennzeichnet sein („Druckversion“).
Diagrammbeschreibung
Diagramme sind eine wertvolle visuelle Darstellung von Sachverhalten und Verläufen. Blinde Menschen benötigen für Diagramme zumindest eine textuelle Alternative in einer Datentabelle. Darüber hinaus sind Beschreibungen von signifikanten Zuständen und Entwicklungen, wie sie visuell darstellbar sind, in einem Text zweckmäßig.
Eine verlinkte Datentabelle gilt als Mindestversion für eine konforme Alternative. Darüber hinaus sollte eine redaktionelle Beschreibung signifikanter Aussagen aus einem Diagramm ebenfalls auf eine geeignete Weise zur Verfügung stehen.
Datumseingabe
Ein Formular enthält ein barrierefreies Eingabefeld für ein Datum. Daneben befindet sich ein Schalter, mit dem ein Date Picker zur Datumsauswahl geöffnet werden kann. Der Date Picker ist nicht gänzlich barrierefrei.
Die Datumsauswahl ist konform, sofern sich auf der Seite keine blinkenden und scrollenden Inhalte befinden und keine Tastaturfallen auftreten. (Konformitätsanforderung 5)
Das erforderliche Datumsformat („TT.MM.JJJJ“, ...) muss permanent sichtbar und durch aria-describedby technisch barrierefrei zur Verfügung stehen.